Warum Schönheit im Auge des Betrachters liegt
Ich habe eine große Nase. Für deutsche Verhältnisse: ziemlich groß. Für iranische: wohl eher normal.
Mein iranischer Vater hat mir nicht nur sein Temperament weitergegeben, sondern auch mein Aussehen: dunkle Haare, dunkle Augen und eine typisch iranische Nase – orientalisch, markant, auffällig.
Als ich ins Gymnasium kam, dauerte es nicht lange, bis ich meine Spitznamen hatte: „Nasenbär“ und „Die Nase“. Auf dem Pausenhof hörte ich es immer wieder – ich passte eben nicht zum deutschen Schönheitsideal. Ich wusste, meine Freundinnen waren die Hübschen, die Mädchen, für die sich die Jungs interessierten. Ich dagegen war häufig das dritte Rad am Wagen.
Iraner finden, ich habe eine „schöne persische Nase“ – zumindest hat mir das meine iranische Familie immer gesagt.
Als ich das erste Mal im Iran war, fühlte ich mich sofort wohl. Schon nach der Landung auf dem Flughafen verschwand meine Nase in der Masse. Unter zahlreichen „Nasenbären“ war ich plötzlich nicht mehr die mit der großen Nase – sondern einfach eine von vielen. Niemand drehte sich nach mir um. Und schnell stellte ich fest: Meine Nase ist bei Weitem nicht die größte im Land!
Die Gemeinheiten in der Schule habe ich damals ziemlich gut weggesteckt. Ich habe ein gesundes Selbstvertrauen und wusste, dass ich nicht „hässlich“ war, sondern einfach nicht dazu passte.
Mir war es egal, schließlich wollte ich keinen Schönheitswettbewerb gewinnen.
Doch es blieb etwas zurück. Eine Unsicherheit, das Wissen, nicht allzu schön zu wirken. Nach außen hin wirkte ich zwar stark, doch innerlich setzte sich eine Überzeugung fest: das Gefühl, nicht genug zu sein.
Wie tief diese Überzeugung allerdings sitzen würde, merkte ich erst in Indonesien.
Hier, am anderen Ende der Welt, gilt das Gegenteil. Alle haben kleine Nasen. Große Nasen gelten als exotisch – und begehrt.
Plötzlich galt ich als schön. Ich! Wegen meiner Nase.
Für mich klang das erst mal verrückt. Ich habe aber schnell gemerkt: Egal wo ich bin, Menschen schauen mich an, tuscheln oder fassen sich an die Nase.
Am Anfang bin ich automatisch in eine Abwehrhaltung gegangen – schließlich habe ich bis dahin nur negative Erfahrungen mit meiner Nase gemacht. Mittlerweile weiß ich, dass genau das Gegenteil gemeint ist.
Die Menschen sind so fasziniert von meinem Aussehen, dass sie mich bewundernd mustern oder – je nachdem wie mutig sie sind – mich auf meine Nase ansprechen.
Einmal stand ich in einem Laden und eine Schwangere kam auf mich zu. Mit verschämtem Lächeln fragte sie mich, ob ich ihren Bauch streicheln könne. Meinem verdutzten Gesicht erklärte sie, dass ihr Baby davon eine große Nase bekommen würde. Als die Umstehenden mich ermutigten, willigte ich lachend ein.
In diesem Moment wurde mir klar, dass das, was ich jahrelang als Makel empfunden hatte, hier als etwas Besonderes gesehen wird.
Wie das Baby heute wohl aussieht?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn ergibt es auch für mich. Wollen wir nicht oft das haben, was wir nicht haben (können) – eine schmalere Taille, eine dunklere Haut, glattere Haare oder eben eine andere Nase?
Warum sollte es Menschen in Ländern wie Indonesien anders gehen?
Heute gibt es hier sogar Filler und Schönheits-OPs, um Nasen zu vergrößern.
Im Iran lassen sich junge Menschen ihre Nasen verkleinern, in Indonesien vergrößern.
Vielleicht sollten wir einfach mal Menschen zwischen den Ländern austauschen?
Trotzdem fällt es mir auch nach Jahren in Indonesien immer noch schwer, Komplimente anzunehmen. Ich reagiere sofort misstrauisch. Zu lange habe ich gehört, dass meine Nase nicht in das Schönheitsbild der Allgemeinheit passt.
Wie unterschiedlich unsere Ansichten doch sein können – je nachdem wo wir aufgewachsen sind! Was für die einen schön ist, ist für andere vielleicht hässlich.
Wie sehr kulturelle Schönheitsideale unsere Selbstwahrnehmung wirklich prägen, wurde mir allerdings erst in den letzten Jahren bewusst.
Heute weiß ich: Schönheit ist relativ und liegt im Auge des Betrachters. Und mal ehrlich – wäre es nicht furchtbar langweilig, wenn wir alle gleich aussähen?
Vielleicht müssen wir manchmal nur den Blickwinkel ändern oder uns an einen anderen Ort begeben, um zu erkennen, dass wir schon längst gut genug sind, so wie wir sind.
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