Wenn mich die Dämonen im Dschungel einholen
Das Wetter in Deutschland ist einer der Gründe, warum ich ausgewandert bin.
Ich bin ein Sonnenkind und brauche die Sonne auf meiner Haut wie die Luft zum Atmen.
Seit ich denken kann, habe ich unter Winterdepressionen gelitten.
Jedes Jahr im Oktober, spätestens im November,
wenn sich das dicke Grau vor die Sonne schiebt,
wenn die Tage kürzer werden und die Nächte länger,
wenn die Luft frischer wird und die Nasenspitze kälter,
wenn man sich morgens fragt, ob Aufstehen überhaupt Sinn ergibt,
wenn es auch gemütlich wird, irgendwie kuschelig, weil bald die Weihnachtszeit beginnt,
hat sich immer eine Schwere um mein Herz gelegt,
wie eine Hand, die sich langsam zu einer Faust um mein Herz schließt,
und ihm keinen Raum mehr zum Atmen lässt.
Es lässt sich schwer in Worte fassen, was ich in solchen Momenten gefühlt oder gedacht habe. Ich wusste meist selbst nicht so genau, was mit mir los war.
Am schlimmsten war die Aussicht, dieses Wetter monatelang aushalten zu müssen, bis sich die Sonne endlich wieder öfter zeigte.
Ich fühlte mich gefangen, obwohl ich in keinem Käfig war.
Ich hatte Luft zum Atmen, aber sie erreichte mich nicht.
Ich wollte rennen und kam trotzdem nicht vom Fleck.
Lange dachte ich, dass es der Winter an sich war, die Kälte und der Regen, die diese Stimmung in mir auslösten.
Mittlerweile weiß ich, dass es das ewige Grau war, das mich lähmte.
Ich dachte, am Äquator würde mich das Grau nie wiederfinden.
Ich war sicher: Dort, wo Palmen am Meer stehen, kann keine Winterdepression leben.
Doch auch hier, auf einer tropischen Insel bei 30 Grad, holt sie mich wieder ein.
Wenn sich eine dicke Wolkendecke über die Region legt,
wenn sich kein Blatt mehr bewegt, wenn kein Wind mehr weht,
wenn die Luft steht, als könnte man sie zerschneiden,
wenn es sich anfühlt, als würde die Zeit stillstehen, als gäbe es kein Leben mehr, keine Sonne, die uns nährt und Licht schenkt,
wenn es mich aufs Sofa treibt, mich dort fesselt und mir die Luft zum Atmen nimmt,
wenn sich das Grau über Wochen und Monate hinzieht,
dann helfen auch keine 30 Grad mehr.
Ich bin ein Sonnenkind, gefangen in meiner Winterdepression im tropischen Dschungel.
Wie weit muss ich flüchten, um meinen Dämonen zu entkommen?
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