Das Jahr, in dem wir unser Haus gebaut haben, war das härteste Jahr meines Lebens.
Wir lebten in einer kleinen Holzhütte im Dschungel – ohne Badezimmer, ohne fließendes Wasser und mit Regen, der nicht aufhören wollte.
Anfangs freuten wir uns. Nach dem Leben im Dorf war eine Hütte im Grünen genau das, was wir brauchten. Und die Aussicht auf unser eigenes Haus hat uns motiviert.
Die Hütte war einfach: ein paar zusammengenagelte Holzbretter – gerade groß genug für Bett und Schreibtisch.
Auf der Terrasse stand unser Sofa. Hinter der Hütte war unsere „Küche“: ein Gasherd und ein paar Eimer zum Spülen. Unser Wasser kam aus einem Wassertank neben der Hütte.
Ein Badezimmer gab es nicht. Wir duschten hinter der Küche mit dem Wasser aus den Eimern. Ein paar Meter weiter befand sich unsere Dschungeltoilette: ein tiefes Loch, das von einer Blätterwand verdeckt wurde.
Noch nie hatte ich unter solchen Umständen gelebt. Doch die Aussicht, dass es nur ein paar Monate werden würden, ließ mich einwilligen.
Wie sehr mich diese Erfahrung an meine Grenzen bringen würde, davon hatte ich jedoch keine Ahnung.
Nach ein paar Wochen regnete es fast täglich. Dazu kam ein leichter Wind, der durch alle Ritzen unserer Hütte wehte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gewusst, dass es in Indonesien so kalt werden konnte.
Irgendwann schliefen wir nachts mit dicker Decke, langer Kleidung und Wärmflasche. Selbst tagsüber saß ich genau so an meinem Schreibtisch.
Jedes Mal, wenn ich mit Regenjacke aufs Klo musste, bekam ich nasse Füße. Bei jeder Menstruation ohne Badezimmer wurde mir bewusst, wie lange wir schon hier lebten. Zum Duschen kochten wir irgendwann Wasser auf, weil es keinen Windschutz gab.
Einmal wäre ich nachts fast auf eine Schlange gestiegen, die in unserer Hütte lag. Nach den ersten Python-Sichtungen konnte ich nicht mehr ruhig schlafen.
Holz, das wir bestellt hatten, wurde nicht geliefert. Mein Mann musste selbst in den Dschungel gehen, um Holz zu sägen – sonst hätten wir nicht anfangen können.
Gefühlt ging nichts voran, und wenn etwas passierte, ging gleichzeitig etwas anderes kaputt: unser Generator, Werkzeuge, Maschinen. Egal was wir planten, es trat nie wie geplant ein.
Ich spürte immer mehr Druck und Ungeduld – die Situation wurde langsam unerträglich. Und es war einfach kein Ende in Sicht.
Ich fragte meinen Mann immer wieder, wie lange es noch dauern würde, wann dieses oder jenes fertig sei, welche Leute wann arbeiten würden und wie er bestimmte Dinge geplant hatte.
Doch mein Mann konnte mir keine festen Antworten geben, denn er wusste selbst nicht, wann es wie weiterging.
Weil wir beide keine Schuldigen hatten, beschuldigten wir uns gegenseitig.
Zwischendurch krachte es heftig bei uns – zum Glück hatten wir weit und breit keine Nachbarn.
Irgendwann hatte ich Angst, dass wir am Ende ein Haus haben, aber nicht zusammen darin wohnen würden. Es war ein harter Test für unsere Beziehung.
Ich fühlte mich wie ein wilder Tiger in einem Käfig. Ich konnte weder vor noch zurück, aber unsere Situation auch nicht ändern. Ich fühlte mich ausgeliefert.
Das Komische ist, dass ich kein einziges Mal ans Aufgeben dachte. Mein Mann auch nicht. Wir sind beide Menschen, die durchziehen, was sie sich vorgenommen haben.
Auch wenn es uns an unsere Grenzen bringt.
Heute kann ich mich kaum mehr erinnern, wie ich es geschafft habe, diese Zeit zu überstehen. Ich weiß nur, dass ich irgendwann aufgegeben habe.
Aufgegeben, alles kontrollieren, wissen und festzunageln zu wollen.
Ich war einfach fertig. Ich wollte keine Ausreden mehr hören, ich wollte nicht mehr gefragt werden, ich wollte nur, dass es vorbei war.
Ich musste loslassen, wenn ich weiter durchhalten wollte.
Irgendwann hat das in mir Klick gemacht.
Ich habe mich nicht sofort besser gefühlt, aber der Druck ließ langsam nach.
Und jedes Mal, wenn wieder eine Hiobsbotschaft kam oder wieder irgendwas kaputtging, jemand nicht kam oder es mal wieder regnete, erinnerte ich mich an diesen Gedanken.
Und irgendwann fühlte es sich leichter an.
Als wir nach einem Jahr endlich einzogen, hielt sich die Freude in Grenzen. Wir konnten nur langsam realisieren, dass die harte Zeit vorbei war. Auch unsere Beziehung entspannte sich langsam wieder.
Mittlerweile liegt die Bauphase drei Jahre zurück. Die Hütte steht längst nicht mehr, stattdessen wachsen dort Ananaspflanzen. An der Stelle unseres ehemaligen Betts hängt eine Dschungelschaukel.
Die Erinnerung verblasst, doch die Erfahrung werde ich nie vergessen. Denn sie hat mich an meine Grenzen gebracht. Und doch möchte ich sie nicht missen, denn ich habe etwas Entscheidendes gelernt:
Es gibt Dinge, die ich nicht kontrollieren kann – und das ist in Ordnung.
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