Was sichtbar wird, wenn man genauer hinschaut
Ich reise in Indonesien nicht gerne herum. Nicht, weil mir das Land nicht gefällt – im Gegenteil: Es ist wunderschön. Aber egal wohin ich blicke, ich sehe Müll.
So auch neulich, als wir auf Lombok waren.
Die Insel ist wunderschön – grüne Berge im Norden und lange Sandstrände im Süden –, und doch blieb mein Blick immer wieder an Müll hängen.
Der Weg Richtung Süden führte uns durch die Stadt und viele Dörfer.
Der Müll am Straßenrand hat uns wie ein Schatten begleitet.
Besonders schlimm war die Fahrt über Brücken. Mein Blick wanderte jedes Mal nach unten, doch statt klarer Flüsse sprangen mir bunte Müllstaudämme ins Auge.
Am heftigsten war für mich ein Strandbesuch. Wir bogen von der Straße ab, zahlten eine Gebühr und gelangten über einen Schotterweg zu einem weißen Sandstrand.
Wir parkten unser Bike im Sand und sahen vor uns das leuchtend blaue Meer.
Als wir uns umdrehten, bekamen wir einen Schock. Zwei große Müllberge hatten sich hinter den Motorrädern aufgetürmt – keine 50 Meter von den Sonnenliegen entfernt.
Vereinzelt liefen Ziegen herum und suchten nach Essbarem. Auch kleine Kinder waren immer wieder zu sehen.
Dieser Kontrast war für mich schwer verdaulich.
Vorne sonnen sich Touristen, während hinten die Welt im Müll erstickt.
Zum Spaß machten wir ein Selfie – nicht mit dem Strand, sondern einem Müllberg im Hintergrund. (Leider ist das Foto nicht das einzige dieser Art geblieben.)
Auf der Weiterfahrt bot sich mir ein ähnliches Bild: Eine junge Mutter verbrannte vor ihrer Haustür einen kleinen Haufen Müll, dunkle Rauchschwaden stiegen nach oben. Neben ihr spielten ihre zwei Kinder.
Ich sah mehrere Stellen im Grünen, an denen sich Müllsäcke häuften. Nicht selten lagen Kühe direkt daneben. Als wir ein Auto überholten, schmiss der Fahrer seine Wasserflasche raus.
Die geballte Masse an Müll machte mich sprachlos.
Und je länger ich darüber nachdachte, desto bewusster wurde mir: Der Müll ist nicht das eigentliche Problem.
Er steht für etwas, das viel tiefer reicht – und das sich nicht mit einem Müllsack lösen lässt.
Denn die Menschen haben andere Sorgen.
Die junge Mutter, die ihren Müll verbrennt, ist froh, dass sie ihre Kinder ernähren kann.
Der Autofahrer hofft, dass er mit dem Einkommen seine Familie versorgen kann.
Ich sehe Menschen, die viel arbeiten, aber wenig verdienen.
Ich sehe Kinder, die in jungen Jahren hart anpacken müssen.
Ich sehe Frauen und Männer, die unter dem Druck von Erwartungen leiden.
Und ich sehe eine Gesellschaft, die kaum über die Zukunft nachdenken kann, weil die Gegenwart sie so sehr gefangen hält.
Manchmal möchte ich es einfach rausschreien.
Doch je länger ich hier lebe, desto klarer wird mir, wie wenig ich daran ändern kann.
In solchen Momenten kehre ich zurück zur Natur – den Bergen, Stränden und all den schönen Orten, die ich hier gesehen habe.
Sie erden mich, faszinieren mich und holen mich zu mir zurück.
Und während ich zur Ruhe komme und die Schönheit um mich herum aufnehme, taucht ein neuer Gedanke auf:
Was macht ein Land eigentlich lebenswert?
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