Erdbeben sind für mich längst zur Gewohnheit geworden.
Bei uns bebt die Erde etwa einmal pro Woche.
Anfangs bin ich noch erschrocken – mittlerweile bleibe ich einfach sitzen.
Das erste Mal haben wir in einem Mietshaus im Dorf gewohnt. Es hat nur leicht gewackelt, und wir haben es kaum gemerkt.
Das zweite Erdbeben war weitaus heftiger. Wir lebten schon im Dschungel, aber noch in unserer Holzhütte während des Baus.
Es war am helllichten Tag, und ich saß alleine in der Hütte.
Auf einmal rumpelte es heftig, fast so, als wäre ein Laster von hinten in unsere Hütte gefahren. Im ersten Moment habe ich mich entsetzt umgedreht, bis ich gemerkt habe, dass die ganze Hütte weiter wackelt.
Ich habe meine Katze geschnappt und bin zur Tür gegangen. Die Jungs auf der Baustelle hatten das Beben noch nicht mal bemerkt.
Etwas beschämt habe ich mich kurz darauf wieder in die Hütte gesetzt – immer noch mit meiner Katze auf dem Arm, die mich verschlafen musterte.
Jetzt habe ich mein eigenes Büro in unserem Haus. Und seit ich die meiste Zeit im Sitzen arbeite, spüre ich jedes kleine Beben.
Oft wackelt es nur so leicht, dass ich nur mit einem Blick auf mein Wasserglas sicher bin, dass die Erde bebt.
Manchmal ist es stärker und es knirschen die Fenster.
Und einmal hat – während eines Videocalls – mein Bildschirm derart gewackelt, dass meine Gesprächspartnerin es live miterlebt hat.
Sie war total schockiert, ich hingegen habe erst mal herzlich gelacht. Angst habe ich also offensichtlich keine mehr.
Ein Grund dafür ist mein indonesischer Mann, der mit zahlreichen Erdbeben aufgewachsen ist. Bei solchen Ereignissen bleibt er die Ruhe in Person – fast so, als wäre es nur ein kurzer Windstoß.
Oft bin ich schon auf dem Sprung und möchte rausrennen, aber er murmelt nur: Ach, ist doch gleich vorbei!
Heute richte ich mich einfach nach ihm. Solange er nicht nach draußen geht, ist alles okay.
Unser Haus haben wir nicht umsonst aus Holz gebaut. Bei einem Beben geht nichts kaputt und es stürzt auch nichts ein. Im Gegenteil: Das Haus wackelt einfach mit, als wäre es Teil der Erde.
Manchmal rumpelt es nachts so stark, dass wir davon aufwachen. Mittlerweile schlafe ich danach schnell wieder ein.
Man kann sich wirklich an alles gewöhnen, wenn es oft genug passiert.
Vielleicht ist die wahre Gewöhnung, das Beben nicht als Gefahr, sondern als Erinnerung zu sehen – daran, dass alles immer in Bewegung bleibt.
Etwas anderes bleibt mir in diesem Land auch nicht übrig – hier vergeht kaum eine Woche ohne wackelnde Gläser oder Vulkanwarnung.
Ich habe mir darüber nie viele Gedanken gemacht. Schließlich wird jeder von uns einmal sterben.
Ich konzentriere mich lieber darauf, zu leben, solange ich es kann.
Und gibt es eine bessere Erinnerung an die Kostbarkeit des Lebens als dieses wöchentliche Beben?
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