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Flügge

Über Doppelmoral und frühe Schwangerschaften

Die Tochter eines Bekannten aus unserem Dorf ist schwanger. Sie ist 13 Jahre alt.

Ihre Familie ist wie viele andere muslimisch und wirkt nach außen sehr traditionell. Es wird gefastet, mehrmals am Tag gebetet und freitags nicht gearbeitet.

Und doch trifft sich die Tochter oft draußen mit anderen Kids. Sie sitzen in alten Ruinen, verziehen sich in verlassene Gebäude und trinken. Mit Jungs und anderen Mädchen. Das, was viele Jugendliche in dem Alter eben machen.

Als herauskam, dass sie schwanger ist, war das Theater groß.

Es wurde nach einem Schuldigen gefahndet. Gefunden wurden gleich mehrere, die nacheinander beim Dorfvorstand vorsprechen mussten.

Auf eine Person einigen konnte man sich jedoch nicht, und so wird das Kind ohne einen Vater aufwachsen.

Damit ist es nicht allein. Denn die Schwestern dieser Tochter haben selbst Kinder, Väter unbekannt, und leben noch daheim.

Obwohl wir die Familie häufig besuchen, weiß ich bis heute nicht, wer Kind oder Enkelkind ist.

Anfangs waren wir verwundert. Von anderen Orten kannten wir das nicht.

Doch schon nach kurzer Zeit sahen wir auch bei Nachbarn ähnliche Szenen: Eltern leben mit ihren teilweise noch sehr jungen Töchtern und deren Kindern in einem Haus.

Mein Mann fragte ein paarmal nach den Vätern der Kinder, mittlerweile macht er das nicht mehr.

Denn selten ist klar, wer oder wo der Vater ist, und meistens waren mehrere Männer involviert.

Ich konnte es anfangs nicht glauben. Doch ich kenne die Menschen. Und ich sehe es mit eigenen Augen.

Manchmal stimmen die Eltern der Kinder einer Heirat zu. Manchmal muss die Familie des Jungen Strafe zahlen. Manchmal landet er im Gefängnis, wenn kein Geld da ist.

Zurück bleiben die Mädchen mit ihren Babys, um die sich meist die stolzen Großeltern kümmern. Sobald die Mädchen wieder „flügge“ sind, fliegen sie aus – zu neuen Abenteuern mit Gleichgesinnten.

Und so füllen sich die Häuser über Jahre mit Kindern.

Am meisten überrascht mich, wie die Erwachsenen damit umgehen. Es scheint zur Normalität geworden zu sein.

Keiner ist entsetzt oder schämt sich, wenn die Tochter mit 13 schwanger ist.

Größer dagegen ist die Scham, über Sexualität zu sprechen.

Die Tochter hat mittlerweile ihr Kind zur Welt gebracht.

Seit ein paar Wochen ist sie wieder mit ihren Freunden unterwegs.

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